Hoyschrecke 1997

Stimmzettel

Zwei mal hatte ich Gelegenheit, nach der Schließung im Jahre 1999 den Großen Saal der Hoyerswerdaer Braugasse 1 in Augenschein zu nehmen;2005 und 2006. Es waren keine freudigen Wiedersehen;nicht in der Realität. Wohl aber in der Erinnerung. Vor allem in der Erinnerung an die Liedermachertreffen 1998 und 1997. Erlebt mit Freunden und mit Menschen, ohne die man glaubte, nicht leben zu können.Erinnerungen an Stunden des Enthusiasmus und des Improvisierens bei Veranstaltern und Künstlern. Erinnerungen an Stunden grenzenlosen Optimismus; Stunden, in denen sich alle Beteiligten einig waren:Hier entsteht Einzigartiges! Manches hat sich verändert seither; manche(r) hat uns verlassen: der Arbeit oder der Liebe nachgezogen; mancher hat uns auch für immer ade sagen müssen – wie Gundi, dessen Auftritt zum Liedermachertreffen 1997, besonders der „Fliegende Fisch“, ein Glücksmoment war. Jeder spürte; das war nicht irgendein Konzert von denen auf der Bühne für die da unten im Publikum; es war ein Konzert, bei dem alle eine aktive Rolle hatten. Etwas, was selbst das großartigste Rock-Konzert in einem Riesen-Stadion niemals wird bieten können:?einen Abend ohne das unweigerliche Leeregefühl nach Lärm und Pyrotechnik.

Aber lesen wir erst einmal nach, was 1997 zum Liedermachertreffen im TAGEBLATT?stand – von den Überlegungen bis hin zum Bericht von der Veranstaltung:

Joachim Zawischa

Hoyerswerda als Mittelpunkt der Liedermacherszene Deutschlands – wenigstens am Wochen?ende 28. bis 30. 11. 1997 keine Vision, sondern Wirklichkeit. KulturFabrik und der Verein Pro Folk laden zum 1. Nationalen Liedermachertreffen ein… Am Freitag wird es ab 21 Uhr das Eröffnungs- und Wettbewerbs?konzert zugleich geben. Vor Publikum und Jury werden die Wort- und Sangeskünstler ihre je zwei besten Stücke zu Gehör bringen und sich damit um ein Dreigestirn an Preisen bewerben: den Publikumspreis, den TAGEBLATT-Preis um den besten Text und natürlich einen Gesamtpreis. Wie der hei?ßen wird, ist (fast) klar: die Goldene HoySchrecke oder das Goldene HoyPferd… Der größte Brocken im Hoyerswerdaer Etat sind übrigens 500 DM Unterstützung durch Pro Folk und ein kleines finanzielles TAGEBLATT-Engagement.“ Wenig später war die HoySchrecke geboren – und das nun einfach „Liedermachertreffen“ benamste Festival.Von dem ist wenig später zu lesen:

Publikum

Künstlergarderobe in der Hoyerswerdaer Kulturfabrik, Samstagmorgen, früh gegen zwei: Der Freiberger Liedermacher Gerd Schmal schlägt seinem etwas konsterniert dreinblickenden Erfurter Kollegen Martin Sommer auf die Schulter: «Jetze biste baff, wa?» Sommer nickt nur. Ein paar Minuten vorher hat er erfahren, daß er einen der Hauptpreise gewonnen hat: eine der von Helge Niegel geschmiedeten «Goldenen HoySchrecken» – den Publikumspreis. Etwas gelassener als der 18-jährige Publikumsliebling nimmt der Bamberger Joachim Zawischa seinen Sieg auf – er darf sich mit dem Jurypreis schmücken. Den dritten Haupt-Preis hat der Fraureuther Sebastian G. Birr erhalten – den Preis des Hoyerswerdaer TAGEBLATTes für den besten Text. Auch der 19-jährige Birr ist fassungslos: «Was – iiich?» Ja – er.

Sebastian Birr

Vorausgegangen war ein Mammutprogramm: 17 Bewerber hatten sich ab 21.30 Uhr Jury und Publikum gestellt. Gegen 21 Uhr schien sich noch zu bewahrheiten, was der Stuttgarter Liedermacher Burkhard Ihme düster-ironisch prognostiziert hatte: «Die Teilnehmer werden wohl auch die einzigen Zuschauer sein…» Weit gefehlt! Wenn auch um halb zehn nicht (wie beim Preisträger-Prominenten-und-Gundermann-Konzert am Samstag) selbst die Fensterbänke von Sitzplatzsuchenden überfüllt waren – von einem vollen Haus durfte man mit Fug und Recht sprechen. Und das Überraschendste, selbst für altgediente Liedermacher-Hasen: die Hoyerswerdaer hielten bis zum Schluß aus… bis lange nach dem letzten Ton der Liedermacher die Jury verlauten ließ, wer denn nun die begehrten Preise erhalten würde – und das, obwohl die HoySchrecken ja erst am Samstag übergeben werden sollten…“

Bliebe noch das Gala-Konzert: Nach Preisträgern und zwei weiteren Auftritten, bestritten vom baden-württembergischen Liedermacher-Nestor Christof Stählin und dem Berliner Mit-Organisator des Hoyerswerdaer Treffens, Michael Günther, trat schließlich auf: Gerhard Gundermann. Er wurde mit tosendem Applaus empfangen. Sein anfängliches Statement zeugte von Selbstironie: «Wenn ich mich umsehe, entdecke ich nur ganz junge oder alte Liedermacher, die sehr gut sind. Ich muß mich beeilen, denn ganz jung bin ich schon lange nicht mehr…» Gundermann versprach: «Im nächsten Jahr will ich aktiv dabei sein. Und wenn ich Tische und Stühle schleppe!» Musikalisch zog der Baggerfahrer, der jetzt zum Tischler umschult, alle Register… (Bis zur letzten Minute, die er so ankündigte:) «Mein Lieblingslied zum Schluß: ´´Fliegender Fisch„.» Damit beendete Gundermann den Konzertabend, getreu der Refrain-Zeile «bei dir bleiben kann ich nicht».“
P.S. Anno 2006: Wer hätte da ahnen können, wie nur zu traurig wahr dieser Satz schon ein Jahr später sein sollte..

BESTER LIEDTEXT
Plastikherz
Von Sebastian Günther Birr

ich finde den geruch so unerträglich
wenn ein plastikherz im handschuhfach verbrennt
mich stört‘s nich wenn sie trinkt und sich fast täglich
überm abfluß zu ihrer schuld bekennt

wenn alles gut geht schlaf ich ein

die stadt in der ich atme frißt gedichte
in der schule wollt ich sie noch konserviern
die leergetrunknen flaschen sind gewichte
die mich bei jedem denkversuch neu stranguliern

wenn alles gut geht schlaf ich ein

der postmann kam sonst früher beinah täglich
doch meine lesart wurde meistbietend verkauft
frag ich nach meiner liebsten sprech ich stetig
dreißig fraun an die sehn genau so aus

wenn alles gut geht schlaf ich ein

ich hab gehört es gibt endomorphine
auf Rezept für jeden der noch singen will
die süchte die ich abends sacht bediene
stelln mir einen sonnenaufgang in mein bild

wenn alles gut geht schlaf ich ein

ich liege unterm bett bin ganz still
und krümel kekse in die dielen
sie hält meine hand und schaut auf mich herab
als würde ich alles das verdienen

wenn alles gut geht schlaf ich ein

ich finde den geruch so unerträglich
wenn ein plastikherz im handschuhfach verbrennt
mich stört‘s nich wenn sie trinkt und sich fast täglich
überm abfluß zu ihrer schuld bekennt

wenn alles gut geht schlaf ich ein